Ein guter Anfang.

Es ist Ende Januar im Oman und wir genießen jeden Augenblick. Immer noch. Seit Anfang Oktober sind wir schon unterwegs. Wir haben so viel gesehen, so viel Schönes erlebt und so viele nette Menschen getroffen. Von zu Hause, mit zweiwöchiger Verspätung (Warum? Gibt es hier zu lesen!) ging es im Eiltempo über Ungarn, Rumänien und Bulgarien, wo wir am Schwarzen Meer den ersten längeren Stop, also zwei Tage einlegen. Von dort weiter in die Türkei, erst zu Freunden nach Bursa, dann nach einem Besuch beim Toyota-Dandler in Ankara, wo unser Shaka ein Federblatt mehr spendiert bekommt weiter nach Kappadokien.

Im „Love Valley“ in Kappadokien, Türkei. Spargel, oder nicht? 😉

Lustig, dass wir genau hier auf den Tag genau vor sechs Jahren genau am gleichen Ort waren – im Love Valley mit den riesigen eindeutig zweideutigen Felsformationen – mit dem Mopped auf unserer ersten gemeinsamen Reise.

Weiter in den mysteriösen Iran mit seinen atemberaubenden Bauwerken und dem völlig chaotischen und lebensmüden Verkehr. Durch kalte Berge, weite Steppen, vorbei an uralten Lehmstädten, Höhlendörfern,  riesigen, üppigen Moscheen, durch die lautlose und endlose Wüste Lut… ein wunderschönes, wahnsinnig interessantes Land. Die Menschen, denen wir begegnen, sind sehr freundlich und aufgeschlossen, sie winken und freuen sind. Trotzdem fühlen wir uns nicht 100% wohl. Vielleicht, weil wir spüren, dass das viele Iraner auch nicht tun. Als in Kerman auf der Straße die Unruhen mit Straßensperren und Demos beginnen, nehmen wir noch rechtzeitig die klapprige Fähre über die Straße von Hormuz in die Emirate. Am Strand von Dubai legen wir einen kurzen, dringend nötigen Bikini-/Bade-/Internet- und Einkaufssstop ein.

Am Rand der unbeschreiblich schönen Wüste Lut.

Saudi-Arabien, die schöne Unbekannte

Gespannt reisen wir weiter in das unbekannte, vielleicht sogar – nach allem, was einem von den heimischen Medien berichtet wird – ein bisschen unheimliche Saudi-Arabien. Wir sind fast die ersten Touristen (erst seit vier Wochen gibt es überhaupt Touristen-Visa), die mit dem eigenen Auto unterwegs sind. Wir sind völlig geflasht. Die bizarre und wunderschöne Landschaft, die supernetten, aufgeschlossenen, friedlichen und begeisterten Menschen. Manchmal schaffen wir nur ein paar Kilometer, bis uns der nächste zum Anhalten zwingt und uns zum Kaffee und Essen einlädt. Unser Ruf eilt uns schon voraus, im nächsten Dorf werden wir schon erwartet. Es werden Fotos und Videos von uns gemacht und wir mit Geschenken, meist in Dattel- oder Kuchenform, überhäuft.

An den schönen Kletterfelsen von Tanomah, auf 2.500 m Höhe. Nach einem Einbruchversuch der zahlreichen Affen haben wir dann das Dach tagsüber lieber zugemacht, wenn wir beim Klettern waren. 😉

Wir machen sogar Bekanntschaft mit einem saudischen Prinzen und werden kurzerhand eingeladen, ihn zu einer Veranstaltung zu begleiten. (Übrigens hab ich mich unter den wunderschönen, wohlriechenden, perfekt Englisch sprechenden und hochgebildeten Frauen seiner Entourage noch nie so als Landpomeranze gefühlt wie an diesem Tag. Aber das nur am Rande.) Wir frieren in den grünen Bergen mit den schönen Granitfelsen und schwitzen auf der windlosen, glühenden Farasan Island im südlichen Roten Meer. An der jemenitischen Grenze dann ein Dämpfer. Wir hören die Bomben die ganze Nacht, der Krieg ist so unheimlich nah und greifbar. Uns als friedensverwöhnten Europäern, die den Krieg nur aus dem Geschichtsunterricht und den Medien kennen, wird (nach Iran) mal wieder bewusst, was für ein unschätzbares Gut Frieden und Freiheit ist.

Und das nach einem sehr netten und lustigen Abend – wir wurden vom Direktor des Hotels, in dem wir am Tag zuvor übernachtet haben, in sein Haus zum Essen eingeladen. Es gibt ein köstliches, eigens für uns geschlachtetes Zicklein mit vielen würzigen Beilagen, viel Tee, viel Weihrauch (mit dem sich die Männer unter ihrer Thawb, dem traditionellen Gewand, parfümieren), viel Süßes, viel arabischen Kaffee und noch mehr Tee. Es wird gesungen, geratscht und viel gelacht, der Ausbau von unserem Shaka bewundert und wir wegen unseres lahmen Diesels bemitleidet. Und es werden sehr, sehr viele Fragen gestellt und Geschichten erzählt. Die Bomben stören sie nicht wirklich, nur selten käme eine auf die saudische Seite rüber. Na dann. Mit Mühe können wir uns der ganzen Einladungen für die nächsten Tage (oder Wochen) erwehren, wollen wir doch eigentlich so schnell wie möglich wieder weg von der Grenze zum Jemen. Doch fast ein bisschen wehmütig verlassen wir die schöne Unbekannte, aber wir haben ja noch einiges vor. Eins wissen wir: wir kommen bestimmt bald wieder. Alhamdulillah!

Emirate – bling bling

Dubai – irgendwo zwischen Spaß und Schock.

Der Versuch, durch die Rub al-Khali in den Oman zu fahren, scheitert leider am unfertigen Grenzübergang der Omanis. Nach einer Nacht im Sandsturm zurück in die Emirate. Doppelreihige Palmenalleen an den beleuchteten Autobahnen. Riesige Atommeiler und Wasserentsalzungsanlagen. Der teuerste Luftfilter aller Zeiten für den Shaka im riesigen, blankpolierten Toyota-Palast. Ein schickes Design-Hotel mit dem besten Frühstück ever. Dann gehen wir durch die größte Mall der Welt – mit dem größten Aquarium der Welt, einem Indoor-Eislaufplatz und weiß der Kuckuck was noch allem, mit dem teuersten Burger der Welt im Bauch – zum einfach unfassbaren Burj Khalifa.
Dieses Ding ist satte 828 Meter hoch, und natürlich, wie könnte es anders sein, das höchste Gebäude der Welt. Mit dem höchsten Springbrunnen der Welt. Völlig unglaubliche 150 Meter schießt das Wasser, superkitschig zu Musik choreographiert, in die Höhe. Las Vegas ist dagegen echt putzig. Wie ein kleines Kind vor dem Christbaum stehe ich da. Insgesamt drei (oder vier) Vorführungen muss sich Christian gedulden, bis ich genug habe.

Verliebt in Oman

Dann Oman! Wilde Berge, tolle Felsen, beeindruckende Wadis mit Wasserfällen, natürlichen, glasklaren Pools und üppigen Oasen, blitzblaues Meer, Einsamkeit, Wüste. Überall nette und herzliche Menschen. Silvester feiern wir mit Tee am Lagerfeuer mit ein paar Overlandern in den Wahiba Sands. In Salalah liegen wir fassungslos über unser Glück am Postkartenstrand unter den Kokospalmen in der Hängematte und schlürfen Kokoswasser. Zum krönenden Abschluss fahren wir doch noch, von Süden aus, durch das unbeschreiblich schöne „Leere Viertel“ auf den Spuren von Wilfried Thesiger, dessen Bücher wir vorher verschlungen haben. An einem Brunnen treffen wir tatsächlich Verwandte von Bin Kabina. Gänsehaut. Gerade noch rechtzeitig vor einem Sandsturm verlassen wir die Wüste und legen noch einen Stop auf Masirah ein, bekommen fangfrischen Fisch geschenkt und ich finde ganze Hände voll mit „Shiva Eyes“ – ein Kindheitstraum wird wahr.

Euphorisch, voller Tatendrang, braungebrannt, verliebter denn je, den Kopf und das Herz voll mit wunderschönen Eindrücken lassen wir mit einer Träne im Knopfloch unser Buschtaxi beim Freund eines Freundes im Garten stehen („no problem“ – wie alles im Oman) und fliegen mit dem Entschluss, im April wiederzukommen, nach Hause.

Oman ist einfach – und jeden Tag aufs Neue – nur noch… wow.

Jahresmitte

Nur eine Woche später entschlüpft Christian zwei Wochen nach Kirgisistan zum Skitouren.
Und ja, die Zeit ab März ist ja hinlänglich bekannt. Keine Skitourensaison, lange, fassungslose Gesichter, manchmal leichte Panik. Aber wir leben im Paradies – mit Dach überm eigenen Häuschen, mit Aussicht und Auslauf, sowieso – und so wie sonst auch – weit weg von allem, was nervt. Daher jammern wir nicht! Und Geld ist auch nur bedrucktes Papier.

Grinsend verschwinde ich am Tag der Grenzöffnung erstmal mit meinen Eltern ins Tessin zum Mountainbiken. Danach testen Christian und ich, ob die Dolomiten und die Felsen um Arco noch da sind, genießen die warmen Felsen und ein bisschen Dolce Vita mit Mundschutz. Irgendwann kann dann doch die Sommersaison noch stattfinden, wir rennen uns in den Bergen die Hacken ab, geben uns zuhause die Klinke in die Hand und unsere Ferienwohnung ist bis auf den letzten Tag ausgebucht. Unseren fünften Hochzeitstag feiern wir ganz romantisch in Venedig.

Lockdown im Paradies. Bei allen persönlichen und finanziellen Sorgen… wir genießen unsere viele gemeinsame Zeit und das schöne Wetter trotzdem.

Doch was passiert mit unserem Shaka (lies hier seine Geschichte)? Heimholen? Abwarten? Warten auf was? Ein Wunder?
Wir warten. Und warten. Lesen jeden Tag omanische News. Nichts rührt sich. Keine Visa, keine Flüge. Dann gibt es Flüge, aber keine Visa. Wir beschließen die Flucht nach vorn, es drängt uns wieder hinaus in die Welt. Trotz Corona. Wo kann man hinreisen? Richtig, Tansania. Dort wurde „C“ kurzerhand abgeschafft, nachdem u. a. Motoröl und Papayas positiv getestet wurden. Außerdem… wer krank wird, hat halt einfach nicht genug gebetet, sagen sie. Also… Eigentlich wollten wir von Oman wieder nach Saudi, von dort nach Sudan, Äthiopien, Kenia, Tansania… Richtung Südafrika. Aber warum nicht gleich nach Tansania?

Flucht nach vorne

Wir kriegen schnell raus, dass es Container-Verbindungen vom Oman nach Tansania gibt, um unseren Shaka (lies hier, was wir alles an ihm gemacht haben) vor Ort zu haben. Nur… einen Agenten zu finden, der sich um die zuverlässige Abwicklung, den Zoll und die Papiere auf beiden Seiten kümmert… ein Mammutprojekt. Die Option, für die wir uns entscheiden, fällt dann kurzfristig aus. Entgegen unserer Gewohnheit geben wir entmutigt auf. Zu teuer, zu langwierig, zu kompliziert. Schade ums teure tansanische Visum, schade um die Zeit. Wir sind traurig, Wird unsere Reise scheitern? Wird die Welt, die wir kennen, scheitern?

Wir warten weiter. Nur auf was? Die Zeit vergeht und es ist UNSERE Zeit, es ist unsere Reisezeit, es ist pure Lebenszeit. Also wieder den Finger auf die Ampel-Landkarte der Reiseeinschränkungen. (Randnotiz: Deutschland erscheint mit Afghanistan und Westsahara als das einzige (!) Land auf der ganzen Welt als grauer Fleck. „Reisebestimmungen: unbekannt“. Grins…) Wir suchen nach den grünen Punkten.
Hm, Brasilien geht. Namibia und Südafrika auch. Aber ohne Shaka? Niemals. Tansania, ja, haha, da war doch was. Europa? Nein danke, bloß weg hier. Mexiko! Ja, warum eigentlich nicht? Der Flug ist günstig wie nie, ein Reiseführer und eine Karte schnell bestellt und eine Woche später sitzen wir im Flieger nach Mexiko!

Viva México!!!

Dort ist es, entgegen aller Medienberichte, entspannt und einfach sehr, sehr schön. Zuerst statten wir dem Granitmonolith Peña de Bernal nördlich von CDMX einen Kletterbesuch ab. Wie schön! In Quintana Roo mieten wir uns einen alten Bully von 1976 und rollen (sehr langsam) durch Yucatan. Wir trotzen zwei Hurricanes und haben nach zwei Wochen die Nase so voll von Regen, schwüler Hitze, Sturm und Mücken, dass wir ein billiges Zelt kaufen und nach Baja California fahren. Endlich wieder Wüste! Unser armes kleines (aber sehr billiges) Mietauto, genannt „Der Bert“, muss unter unserer Strecken- und Stellplatzwahl ganz schön leiden. Ein Bert im wunderschönen, wilden Shaka-Land. Was nicht passt, wird passend gemacht. Wir versenken ihn im groben Kies und am Strand, wir fliehen mit ihm in letzter Minute durch den Schlamm vor der Flut, wir quälen ihn über endloses Wellblech und steile Gebirgsstraßen… Bodenfreiheit ist anders, aber er bringt uns trotz aller Mühe an wunderbare, einsame Orte. Unter anderem in den Nationalpark Sierra de San Pedro Mártir, wo wir unter Riesenkiefern am Lagerfeuer und minus acht Grad ein bisschen Kanada-Feeling genießen.

Der Baum am Kaktus.

Dann durch das endlose Kaktusland wieder auf der Mex 1 nach Süden bis Cabo San Lucas und von La Paz zurück nach CDMX. Unsere CO2-Bilanz sieht heuer nicht gut aus. Da unser Flug verschoben wurde, gönnen wir uns noch eine Woche lang einen Abstecher durch das schöne, üppige Oaxaca bis ins alternative Puerto Escondido, einer netten und „Ich-will-noch-nicht-fahren“-Mischung aus Ibiza, Goa und Surfereldorado.

Doch unsere zwei Monate neigen sich dem Ende zu. Wir vermissen jetzt schon die laute Musik, die überall auf der Straße zu hören ist. Wir vermissen jetzt schon, dass es hier Corona an jeder Ecke zu kaufen gibt, die Essensstände, die Sonne, das ein bisschen Gesetzlose, die vielen knalligen Farben und die fröhlichen, entspannten Menschen.

Am letzten Tag, auf dem Weg zum Flughafen, sehen wir den einzigen Verkehrsunfall während der ganzen Zeit: unseren. Mit Vollgas knallt uns ein Auto im Stauende hinten drauf und schiebt uns in die nächsten beiden Autos vor uns. Scheiße. Aber die Polizei bemüht sich, keiner regt sich auf und, dem Himmel sei dank, außer schmerzenden Knochen und Köpfen ist uns nichts passiert. Die Autovermietung ist auch entspannt und wir erwischen mit der Taxi-Hilfe eines Freundes aus CDMX, sogar noch unseren Flug. Wir können zwar vor Schmerzen kaum sitzen, aber das geht auch irgendwann vorbei und wir sind glücklich, wieder zuhause in unserem Paradies zu sein. Zumindest kurz.

Ausklang. Die Reise geht weiter.

Denn das Beste kommt zum Schluss. Heute, an Silvester, sitzen wir mit Visum und positivem, da negativem Test in der Tasche und großer Vorfreude im Bauch, schon wieder am Flughafen. Und warten auf unseren Flieger nach…. na… na… nach MUSCAT! In den wunderschönen Oman! Zu unseren Freunden! Und… zu unserem Shaka! Mashallah…

Wir freuen uns aufs neue Jahr. Auf dass es für Euch alle da draußen ein glückliches, gesundes, zuversichtliches und nach vorne gerichtetes Jahr wird. Auf dass positiv wieder positiv wird. Wir sind optimistisch. Wie immer. Prost Neujahr!

♥ Schau dir hier die besten Bilder unseres 2020 an. ♥

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Ganz herzlichen Dank an unsere Sponsoren, die unsere Reise mit Ausrüstung unterstützen:
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Mama & Papa

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